
13. Oktober 2024: In zehn Tagen werden die Stolpersteine für Betty Denker und Johann Meyer in der Oberneulander Apfelallee verlegt. Pastor Frank Mühring hat an diesem Sonntag im gut besuchten Gottesdienst über die beiden gesprochen. Hier sind Auszüge aus seiner Predigt:
Ein goldener Fleck im trüben Herbst. Strahlend hell, nicht zu übersehen. In 10 Tagen werden zwei Stolpersteine in der Apfelallee 4 und 8 in Oberneuland in den Gehweg gesetzt. Gehwegsteine zum Darüberstolpern. Zum Innenhalten. Sie sagen: Sieh genau hin! Schau nicht weg! „Hier wohnte Johann Meyer. Geboren 1905 in Rockwinkel, gestorben 1942 in Hadamar.“ Und, zwei Häuser weiter: „Hier wohnte Bertine Denker. Geboren 1899 in Oberneuland, ermordet 1944 in Wehnen.“ Da wird an zwei Menschenleben erinnert, die viel zu früh zu Ende gingen. Da sind ein Mann und eine Frau aus unserer Mitte ermordet worden. Wir wollen über diesen Stein stolpern und nachdenken – mit dem Kopf und mit dem Herzen.
Johann und Bertine, genannt Betty, erhielten von ihren Eltern Namen, wie sie viele Kinder der Kriegsgeneration trugen. Klangvolle, schöne Namen mit Hintergrund. Johann bedeutet: „Gott ist gnädig“. Und Bertine bedeutet „die Glänzende“. Christenmenschen geben ihren Kindern Namen gern mit Bedeutung. Jeder Name ist ein Hoffnungszeichen, dieses Kind möge von Gott gut angesehen werden. Darin enthalten liegt die Hoffnung, dass kein Mensch bei Gott vergessen ist. Beim Propheten Jesaja stehen die Worte: „Gott spricht: Siehe, ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben, ich habe dich immer vor Augen.“ (Jes. 49,16). Johann und Betty hätten eine helle, glänzende, gnädige Zukunft verdient. Aber es kam anders.
Betty, die „Glänzende“, ist in Rockwinkel auf die Welt gekommen. Hier wohnt sie mit ihren vier Geschwistern und ihren Eltern Wilhelmine und Steffen Denker in der Apfelallee 8. Betty ist eine gute Schülerin. Manchmal fehlt sie, weil sie ihre kranke Mutter pflegen muss. Nach der Schulzeit ist sie als Dienstmädchen, Magd und Arbeiterin tätig. Als 19-Jährige wird sie unverheiratet Mutter eines Sohnes. Acht Jahre später bekommt sie Zwillingen. Diese Schwangerschaft sollte auf Druck der nationalsozialistischen Regierung abgebrochen werden. Mittlerweile war bei Betty Schizophrenie erkannt worden. Zeitweise ist sie in der Heilanstalt „Ellen“ im Bremer Osten. Nach einem erneuten Krankheitsschub wird Betty 1943 von einem Krankenwagen in Polizeibegleitung zuhause abgeholt. Mit 180 weiteren Menschen wird sie in die Tötungsanstalt Wehnen bei Oldenburg gebracht. Dort stirbt sie einen Tag nach ihrem 45. Geburtstag – vermutlich in Folge von Unterernährung.
Johann, dem Gott doch gnädig sein sollte, ist im Jahr 1905 in Rockwinkel geboren worden. Er lebt mit seinen Eltern Karl und Anna Meyer sowie seinem jüngeren Bruder in der Apfelallee 4. Ob Johann und Betty sich kannten? Sie wohnten nur zwei Häuser voneinander entfernt. Auch Johann geht in Oberneuland zur Schule und hat gute Noten. Er arbeitet in der Landwirtschaft, in Fabriken und als Gärtner. Als 29-Jähriger kommt er in die Heil- und Pflegeanstalt in Ellen. Wie Betty leidet er unter Schizophrenie. Johann wird 1935 zwangssterilisiert. Psychisch Kranke sollten keine Kinder haben. Am 14. August 1942 wird er in die NS-Tötungsanstalt Hadamar in Hessen verlegt und stirbt vier Monate später, im Alter von 37 Jahren.
Johann und Betty – haben die Menschen damals nach ihnen gefragt, als sie weggebracht wurden? Hat sich jemand Sorgen um sie gemacht? Sie vermisst?
Nun höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich euch lehre, dass ihr sie tun sollt, auf dass ihr lebt. Mose spricht diese Worte. Er ist alt geworden und müde vom Wandern durch die Wüste. Er sieht klar vor Augen: Wir Menschen sind vergessliche Wesen. Unterwegs durch das Leben vergessen wir, was gut ist. Wir passen uns manchmal an, an das, was die Leute so denken. Verlieren mit der Zeit unseren moralischen Kompass. Tun das, was böse ist und nicht, was gut ist. Einst gab Mose Israel die zehn Gebote auf den zwei Tafeln.
Ich bin darüber gestolpert, dass die 10 Gebote zweimal in der Bibel stehen. Einmal im 2. Buch Mose, im Buch Exodus. Doch der Auszug in die Freiheit liegt schon lange zurück, das Volk hat sie vermutlich längst vergessen. Gott allein dienen? Du sollst nicht töten? Du sollst nicht lügen? Alles verdrängt und vergessen. Mose schreibt darum kurz vor seinem Tod noch einmal eine Zusammenfassung seine Lehre. Darin enthalten: Die 10 Gebote. Mose denkt: Wer Gott vergisst und verdrängt, vergisst und verdrängt auch die Liebe zu den Menschen. Du bist von Gott geliebt, darum liebe deinen Nächsten auch. Frag nach ihm. Die Liebe zu Gott und zu den Menschen gehören zusammen. Mose gibt den Seinen das mit, was ihm am Herzen liegt. So entsteht ein ganzes biblisches Buch. Das 5.Buch Mose. Es mahnt uns, nicht zu vergessen: „Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nichts vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.“
In Wehnen will und kann man nicht vergessen. Der Ort, wo Betty Denker starb, die „Alte Pathologie“, ist zu einer lebendigen Gedenkstätte geworden. Ein Ort gegen das Vergessen. In dem Ort vor den Toren Oldenburgs war eine damals so genannte „Irrenheilanstalt“. Viele der Patientinnen und Patienten schafften es aber nicht mehr lebend aus der Anstalt: Mehr als 1.500 von ihnen sollen während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sein. Gestorben an Unterernährung und Entkräftung wurden sie zu Opfern der verblendeten Rassenlehre der NS-Zeit. Kein Name soll vergessen werden.
Ein „Stein des Anstoßes“, so nennt das Alte Testament Gott und sein Gericht, das er über die verhängt, die Kriege treiben, die sich Götzen suchen, die seine Gebote missachten durch Ungerechtigkeit, Gewalt und Gier (Jes. 8,14). Ein „Stein des Anstoßes“.
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In der Jerusalemer Gedenkstätte „Jad Vashem“ steht der schöne Satz: „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung.“ Das Erinnern unterbricht. Erinnerung erlöst und befreit. Wer sich erinnert, bekommt einen klaren Blick für die Gegenwart.
„Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nichts vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.“ (Dtn. 4,9) In den Büchern Mose ist dieser Appell oft zu hören: Erinnere dich, um nicht zu vergessen.
Gott will, dass sich die Menschen erinnern, damit sie nicht das gleiche Unheil anrichten, wie ihre Vorfahren. Wenn wir die Spuren der verfolgten Menschen in unseren Städten suchen, dann geht es eben nicht darum, sich schlecht zu fühlen, sondern aufmerksam zu sein für die Zeichen unserer Zeit.
Manchmal frage ich mich. Was würde heute passieren, wenn man Menschen abholt und wegbringt aus der Apfelallee? Einfach weg von ihrem Haus? Würde jemand nach ihnen fragen? Würde sich jemand nach ihnen umdrehen, fragen: Was ist geschehen? Würde jemand zur Polizei gehen und fragen: Warum sind er oder sie nicht mehr da?
Nach Betty und Johann haben ihre Eltern gefragt, sonst niemand. Freundinnen und Freunde, lasst die Liebe unter uns niemals so kalt werden, dass keiner mehr nach dem anderen fragt. Amen.
Erinnere dich, um nicht zu vergessen.
