
Mittwoch, den 23. Okt. 2024, werden gegen 12 Uhr mittags zwei weitere Stolpersteine in Oberneuland verlegt: In der Apfelallee vor Nr. 4 für Heinrich Johann Meyer und vor Nr. 8 für Bertine „Betty“ Denker. Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie gern dazu. Stolpersteine erinnern an Opfer des NS-Regimes und sind kleine Betonquader. In 30 Ländern Europas wurden sie bislang in Bürgersteige eingelassen – an den jeweils zuletzt freigewählten Wohnorten der Menschen. Hier in Kürze, wer Johann und Betty waren und was mit ihnen geschah:
Johann war am 3. April 1905 im Landgebiet Rockwinkel geboren worden und lebte mit seinen Eltern Karl und Anna sowie seinem jüngeren Bruder Apfelallee 4. Die Straße erhielt ihren Namen erst nach Johanns Geburt, nachdem Rockwinkel mit Oberneuland vereinigt worden war. Johann ging in Oberneuland zur Schule und hatte gute Noten. Er hatte in der Landwirtschaft gearbeitet, in Fabriken und als Gärtner. Als 29-Jähriger kam er in die Heil- und Pflegeanstalt in Ellen (heute Krankenhaus Bremen-Ost). Bei ihm wurde Schizophrenie diagnostiziert.
Diese Form der Psychose tritt in der Pubertät, oft aber auch erst ab dem 20. Lebensjahr auf. Johann wurde 1935 zwangssterilisiert. Grundlage dieser menschenrechtswidrigen Verstümmelung war das seit 1934 geltende „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Am 14. August 1942 wurde er in die NS-Tötungsanstalt Hadamar in Hessen verlegt und starb vier Monate später, im Alter von 37 Jahren, angeblich in Folge eines Darmkatarrhs.
Betty war am 9. November 1899 ebenfalls in Rockwinkel auf die Welt gekommen und wohnte mit vier Geschwistern und ihren Eltern Wilhelmine und Steffen Apfelallee 8. Auch sie ging in Oberneuland zur Schule und hatte gute Noten. Manchmal fehlte sie, weil sie ihre erkrankte Mutter pflegen musste. Nach der Schulzeit war sie als Dienstmädchen, Magd und Arbeiterin tätig. Als 19-jährige wurde sie unverheiratet Mutter eines Sohnes. Acht Jahre später wurde sie von Zwillingen entbunden, obwohl die Schwangerschaft zwangsweise abgebrochen werden sollte. Auch bei ihr war Schizophrenie diagnostiziert worden und auch sie war zeitweise in „Ellen“.
Unbekannt ist, warum die Abtreibung nicht durchgeführt worden war, für die Steffen als Vater ein Einverständnis hatte erklären müssen. Er unterschrieb später eine weitere Erlaubnis für ihre Zwangssterilisation, die 1936 durchgeführt worden war. Nach einem erneuten Krankheitsschub wurde die mittlerweile 44-Jährige von einem Krankenwagen in Polizeibegleitung zuhause abgeholt und mit 180 weiteren Menschen in die Tötungsanstalt Wehnen in Niedersachsen gebracht. Dort starb sie einen Tag nach ihrem 45. Geburtstag – vermutlich in Folge von Unterernährung.
Johann und Betty waren unsere Nachbarn. Durch die NS-Gesetzgebung galten sie als lebensunwert und unrentable Kostenfaktoren. Als die Betten in den Krankenhäusern knapp wurden, erhielten die Patientinnen und Patienten dünne, weitgehend nährstofffreie, Suppen, damit sie starben. Etliche kamen auch in Gaskammern um, starben durch Luftinjektionen oder überdosierte Medikamente. Über 200.000 Menschen wurden durch das Pflegepersonal ermordet, das damals verpflichtet war, dem „Wohl der Volksgemeinschaft“ Vorrang zu geben. Weil Johann arbeiten konnte, bekam er einige Wochen lang besseres Essen und war in der Gartenkolonie in Hadamar tätig.
Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber heute Verantwortung übernehmen, aufklären und unseren vergessenen Nachbarn wieder einen Platz geben. Die Verlegung der beiden Stolpersteine ist durch die Patinnen und Paten, dem Initiativkreis Stolpersteine Bremen, dem Bürgerverein Oberneuland, dem Ortsamtsleiter und dem Beirat Oberneuland möglich geworden. Am Sonntag, den 13. April, werden die Stolpersteine im Gottesdienst in der Kirche St. Johann thematisiert.
Auf https://stolpersteine-bremen.de werden Biografien für Johann Meyer und Betty Denker hinterlegt. Informationen über Auguste Döhle, für die 2023 der erste Stolperstein in Oberneuland verlegt wurde und für den ich die Patenschaft übernommen habe, finden Sie unter https://augustedoehle.blog.
